Spendenprojekt: Hamburger Stiftung

 Hamburger Stiftung bedankt sich bei Bloggerfuerfluechtlinge
dankt der Initiative #BloggerfuerFluechtlinge für ihre Spende. „Nur mit der Unterstützung von Menschen wie Euch“, sagt Martina Bäurle von der Stiftung, „können wir unsere wichtige Arbeit leisten!“

von Johannes von Dohnanyi

Irgendwo in Hamburg in einer kleinen Gartenwohnung, zu Besuch bei einem nervös rauchenden jungen Mann mit schmalem Gesicht und fahrigen Gesten. Vor einigen Wochen erst ist Ananya A. in der Stadt an der Elbe angekommen. Das Meiste in seiner neuen Umgebung ist dem jungen Blogger aus Bangladesch noch fremd. Fast immer ist ihm kalt. Das Essen ist ungewohnt. Und auch wenn ihm die Deutschen bislang nur freundlich begegnet sind – so „minderheitig“ hat er sich in seinem Leben noch nie gefühlt. Immerhin eines ist ihm inzwischen aber bewusst: „Zu Hause ging ich zum Schluss nur noch mit einem Motorradhelm auf dem Kopf aus dem Haus, damit niemand mein Gesicht erkennen konnte. Hier muss ich nicht mehr um mein Leben fürchten.“

Ananya

Ananya A. weiß, wovon er spricht. Wer sein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnimmt, riskiert in Bangladesch alles. 84 Namen von angeblichen „Feinden des Islam“ haben islamistische Extremisten gesammelt und mit der Drohung veröffentlicht, einen nach dem anderen ermorden zu wollen. Vier Menschen, Blogger alle und Freunde von Ananya A., wurden allein schon in diesem Jahr getötet. Das bisher letzte Opfer, den 40jährigen Niloy Chakrabarty, überfielen die Mörder nachts in seinem Haus und hackten ihn mit Macheten in Stücke.
Ananya A. hat keinen Zweifel: „Am Ende stand ich ganz oben auf dieser Todesliste. Hätte mich die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte nicht nach Deutschland geholt – ich wäre das fünfte Mordopfer geworden.“
Eine ebenso bittere wie erschreckende Erkenntnis für einen 24jährigen, der schon den Vater wegen der Spätfolgen eines islamistischen Attentats verlor, der zuletzt an der Universität in Dhaka an seiner Masterarbeit schrieb und der sich, wie die meisten seiner Altersgenossen im Rest der Welt, unbeschwert mit Freunden und Gleichgesinnten treffen wollte. Der, wie es sich in seinem Alter gehört, noch fest an die Veränderbarkeit der Welt hin zu Guten glaubt.
Stattdessen war Ananya A. ins Fadenkreuz zuerst der Islamisten und dann des Staates geraten, weil er Zivilcourage zeigte. Weil er in seinem Blog unbeirrt die religiöse Radikalisierung der Gesellschaft, die allgegenwärtige Missachtung auch der elementarsten Frauenrechte und die Unfähigkeit beziehungsweise den Unwillen der Regierung angeprangert hatte, der schleichenden Aushöhlung der säkularen Verfassung einen Riegel vorzuschieben.

Hamburger Stiftung: AnanyaDer Blogger Ananya Azad aus Bangladesh ist nach Hamburg geflohen nachdem er in seinem Heimatland bedroht wurde.

„Gott sei Dank haben wir es in letzter Sekunde geschafft, Ananya zu uns zu holen“, sagt Martina Bäurle, die Geschäftsführerin der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte. Noch immer ist sie entsetzt über die Weigerung der schwedischen Botschaft in Dhaka, dem Banker, Wissenschaftsjournalisten und Blogger Ananta Bijoy im vergangenen Mai ein Einreisevisum nach Schweden auszustellen, obwohl dieser vom PEN-Schriftstellerverband eingeladen worden war. Nur wenige Stunden nach seinem vergeblichen Besuch in der diplomatischen Vertretung war Ananta Bijoy am hellichten Tag und auf offener Straße überfallen und ermordet worden. „Die Wiederholung eines solchen Verbrechens“, ist Martina Bäurle überzeugt, „haben wir verhindert.“

Menschen zu retten, die in ihrer Heimat wegen ihres Einsatzes für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte von Haft, Folter und oftmals auch dem Tode bedroht sind – dieser Herausforderung stellt sich die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte seit 1986. Einzigartig ist die Stiftung in Deutschland mit ihrem Konzept, solchen mutigen Menschen nicht nur von Deutschland aus eine Stimme des Widerstands und der Hoffnung zu geben, sondern sie hier bei uns auch mit Vertretern der Zivilgesellschaft, der Politik und der Wirtschaft zu vernetzen. Das Ziel ist es, die Gäste der Stiftung auf den Tag vorzubereiten, an dem sie mit frischer Kraft heimkehren und dort wieder am gesellschaftlichen Wandel mitwirken können. So wie, neben vielen anderen, die tunesische Journalistin Sihem Bensedrine, die vor den Häschern des Diktators Ben Ali gerettet wurde und die heute als vom Parlament gewählte Präsidentin der Wahrheitskommission hilft, das Unrecht der Vergangenheit aufzuarbeiten. „Wenn die Krise überwunden ist“, weiß Martina Bäurle aus langjähriger Erfahrung, „brauchen diese Länder dringend die Unterstützung von Menschen, die wissen, wie Freiheit und Demokratie gehen.“
Und dennoch: Nichtregierungsorganisationen wie die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte haben es schwer in diesen Zeiten. „Alles konzentriert sich auf den Strom der Flüchtlinge, die in diesen Monaten in Deutschland und dem Rest Europas ankommen“, beschreibt die Geschäftsführerin die Situation. „Und so berechtigt dieser Impuls auch ist, und so begeistert ich über die spontane Hilfsbereitschaft so vieler Menschen hierzulande auch bin – wir riskieren über der Aufmerksamkeit für die Aktualität zu vergessen, dass es außerhalb dieser Flüchtlingsströme immer noch viele Menschen wie Ananya A. gibt, die dringend unserer Hilfe bedürfen. Auch für sie geht es immer wieder um Leben und Tod.“

Umso glücklicher war Martina Bäurle, als sie die 1.200 Euro Spende von #BloggerfuerFluechtlinge auf dem Konto ihrer Stiftung entdeckte. „Jeder Euro zählt“, erklärt sie. „Denn ungeplante Aktionen wie die Rettung von Ananya A. kosten viel Geld.“ Und wenn ihre Schützlinge heil und gesund am Hamburger Flughafen ankommen, wird es nicht billiger. „Sie hier menschenwürdig unterzubringen, ihnen mit intensiver Betreuung, mit Sprachkursen und vielem anderen bei der Integration in unserer für sie so fremden Gesellschaft zu helfen – dafür brauchen wir jedesmal etwa 25.000 Euro im Jahr.“ Geld, das Martina Bäurle immer wieder bei hilfsbereiten Spendern einsammeln muss.
Und Ananya A.? Der kann es, wie anfänglich eigentlich alle von der Stiftung Geretteten, noch immer nicht glauben, dass es 10.000 Kilometer von Bangladesch entfernt Menschen gab, denen sein Leben wichtig war. Das, sagt er, „ist eine überwältigende und wahrscheinlich die wichtigste Erfahrung meines Lebens überhaupt gewesen.“



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